Kein Wasser in Sicht

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Ein am Nordseestrand gefundenes, vom Meerwasser verwittertes und in Bronze nachgegossenes Holzstück bildet das zentrale Element für dieses seltsame Boot. Als nach oben geöffnetes Kreissegment verkörpert schon seine Grundform in ihrer ausgewogenen Einfachheit die Sehnsucht nach dem Ganzen oder nach Gott. Ein Segelmast in Kreuzform verweist zusätzlich auf einen über das Sichtbare hinausweisenden Zusammenhang.

Die Montage des Bootes auf Rädern verrät trotz nicht näher definiertem Umraum, dass sich das Boot auf Land befindet. Dennoch steht still und aufrecht auf dem Bug ein Mensch, der suchend in die Ferne blickt und Ausschau hält. Wonach? – Eine groteske Situation: Denn ergibt das Ausschauhalten nach Land nicht nur auf dem offenem Meer einen Sinn? – Aber vielleicht ist dem Menschen gerade dieser Sinn abhanden gekommen? Möglicherweise erlebt er seine Umgebung als eine sinnentleerte Welt, in der er nach Wasser dĂĽrstet wie ein Wanderer in der WĂĽste. Oder wie ein Seemann an Land sich nach dem Meer – oder dem Mehr? – sehnt?

„Kein Wasser in Sicht“ nennt die Künstlerin dieses Kunstwerk aus Bronze. Der Titel ist zugleich ein Gedankenspiel und eine Umkehrung des Ausrufs: „Kein Land in Sicht“. Die Veränderung deutet auf einen merkwürdigen Umstand unseres modernen Lebens hin: Zu leben in einer Fülle von Wohlstand und einer Masse an Informationen und doch hinterlässt gerade dieser Überfluss ein Gefühl der Leere als einer durchaus existenziell gespürten Notlage. Trotz jederzeit verfügbarer Informationen, trotz materiellem Wohlstand und gut gemeintem Aktionismus erscheint die eigene Zeit als ein „metaphysisches Vakuum“, wie Marion Gräfin Dönhoff es einmal in einem Artikel in der „ZEIT“ ausdrückte. Das „Mehr“ ist zwar da, aber nicht aktuell mit der Lebenswirklichkeit der Menschen verknüpft.

Diesen Mangel spürend sehnt sich der geduldig wartende Mensch wie ein Seemann nach dem Wasser als dem Element, in dem er sich zu Hause fühlt. Übertragen formuliert nach Nahrung für seine Seele,  nach spirituellem Input.

Doch ist nicht gerade diese Suche, dieses wachsame Über-den-Rand-Hinausschauen eine notwendige Bedingung, um den gewohnten Erfahrungshorizont immer wieder zu überschreiten? Ist es nicht eine Erfahrung, dass das Gesuchte gerade in der Phase der Suche intensiv präsent und gewissermaßen bereits abwesend-anwesend ist? Unerkannt ist es schon da wie das Kreuz, das im formalen Dialog stärkend im Rücken der Figur steht, ihr Halt und Rückendeckung gibt.

So wird vielleicht auch dieser Seemann auf seiner Reise eines Tages begeistert rufen: „Land in Sicht!“ und zu der ĂĽberraschenden Erkenntnis kommen, dass sein Boot bereits auf festem Grund steht. Es gibt einen Anhaltspunkt! – und im Grunde war das Gesuchte schon lange auf fĂĽr ihn unsichtbare Weise gegenwärtig.