Wagnis des Lebens
Zu den Mutter-Kind-Figurinen von Annette Zappe

figürliche Bronze-Skulpturen von Annette Zappe aus Kempten im Allgäu

Mutter und Kind – dieses Sujet wurde in der europäischen Kunstgeschichte vor allem durch die Darstellung von Maria mit dem Jesusknaben geprägt. Frühe Bilder zeigen häufig eine prächtig gekleidete Frau, die auf Ihrem Schoß den Gottessohn präsentiert. Distanziert hält sie die kleine Menschengestalt, die vielmehr einem Erwachsenen als einem Kind entspricht. Dass zwischen der Mutter und dem Kind eine persönliche, eine enge, hingebungsvolle, eine innige Beziehung besteht wird ab der Renaissance Bestandteil des Genres. Angeschmiegt an den Arm seiner Mutter, selbstvergessen im Spiel unter der mütterlichen Obhut erscheint der Knabe – obgleich sein Schicksal, sein Ende, sein Opfer immer präsent sind – denn nach wie vor steht die Darstellung der Mutter mit dem Kinde im Dienste der Religion. Annette Zappe ist diese historische, diese religiöse Dimension durchaus bewusst. Sie geht ein großes Thema an und sie stellt sich ihm, ganz aus sich selbst, ganz aus eigener Kraft heraus. Zierlich sind ihre kleinen Bronzen, fragil recken sie sich und behaupten sich tastend gegen den Umraum. Dabei erscheinen sie ganz selbstverständlich, ohne Pathos, ohne Rührseligkeit, ohne Klischee. Sie ruhen in sich, schöpfen aus einem Kraftfeld, das sie umgibt, das sich um sie herum ausbreitet, das in der Stärke des dargestellten Moments seinen Ursprung hat. Mutter und Kind, vereint, eng umschlungen, sich haltend. „Zweieins“ – eines zu zweit und zwei zu einem. Es ist die absolute Hingabe, das absolute Ausgeliefert- und Geborgensein, das diese Verbindung archetypisch bestimmt. Zu zweit und doch alleine. Angekommen und gleichzeitig am Beginn eines Neuen. Geborgen und ungewiss zugleich. So stehen Annette Zappes Figurinen – nicht die Erlösung der Welt verheißend – vielmehr als Zeugnis für das Wagnis des Lebens überhaupt.

Dr. Annette Schmid, Stuttgart